Bernhard Schlink – Der Vorleser – Verurteilen und Verstehen – Essay

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Verurteilen und Verstehen

Bei dem Thema verurteilen und verstehen, geht es darum, dass man der Versuch wagt, beide eigentlich von einander getrennte und völlig verschiedene Bereiche des Lebens in einen Konsens zu bringen. Es muss aber bis dahin, erst einmal geklärt werden was eine Verurteilung ist. Was ist den Verurteilen? Verurteilen, kann man eigentlich nur jemanden der etwas getan hat, oder was er zu tun beabsichtigte. Kann man allein schon die Absicht etwas zu tun, aburteilen? Wie auch immer, es geht darum, dass auf Grund einer Handlung oder es ist vielleicht besser gesagt, auf Grund einer Aktivität die von einem Menschen ausgeht, ein Subjekt, also ein Mensch urteilt. Damit kennen wir einige Rahmenbedingungen die zu einer Verurteilung führen können. Im täglichem Leben machen wir es ständig. Ich urteile und verurteile an dauernd Menschen oder das was sie getan haben. Es wird nicht gern davon geredet, aber auch mein Leben ist voll von Vorurteilen. Sie helfen einem mit Dingen zu recht zu kommen über die ich gar nicht wirklich Bescheid weiß. Ich bilde mir aber so trotzdem eine Meinung über Dinge, über Menschen, über Sachverhalte. Warum auch nicht Und Verstehen, was ist Verstehen? Ich denke man kann auf viele weise verstehen. Es ist aber klar das der Mensch nur durch seine Sinneseindrücke verstehen kann und jede gewonnene Erkenntnis über dass sinnliche erfassen zu einer Erkenntnis kommt. Das heißt, jeden Eindruck den ich erlange ist schon gefiltert. Kann ich mir der sicher sein, was ich an Informationen bekomme. Nein sicherlich nicht. Das ist ja das interessante an dem Verstehen, jeder ist in der Lage etwas anderes zu verstehen. Nun will ich aber auch nicht verschweigen, dass es durch intellektuelle Bemühungen versucht wird die Filterungen zu beeinflussen und zu neutralisieren, zum Beispiel im Rahmen der Wissenschaft.

Nun fällt in dem Zusammenhang von Verurteilen und Verstehen sofort auf, das es da eine Komponente gibt, die jedem sicherlich im Kopf oder in seinen Gedanken herumschwirrt, die Gerechtigkeit. Wo in alledem bleibt den die so viel gelobte Gerechtigkeit? Wo ein Urteil da ein Richter und ein Richter sollte doch immer gerecht sein, dass wäre doch ein Ideal. Ist es so? Ja oder Nein. Der Mensch richtet doch. Der Mensch bekommt seine Erkenntnisse über seine Sinneseindrücke. Da haben wir schon das Dilemma. Der Mensch selber ist nicht frei von Fehl und Tadel. Es ist für ihn eine müßige tat zu differenzieren. Es ist für ihn eine Intellektuelle Anstrengung zu unterscheiden was in seinen Augen gerecht ist und was nicht und am Ende wird er immer noch nicht voll und ganz sagen können, ja mein Urteil als menschlicher Richter ist Gerecht, weil ich die allumfassende Erkenntnis habe die ich für ein gerechtes Urteil brauche. Deswegen sind Urteilssprüche in den Deutschen Gerichtssälen immer ein wenig Salomonisch, gut gemeint aber menschlich.

Die Textpassage beschreibt das Dilemma sehr deutlich in dem sich Michael Berg befindet. Er versucht zu verstehen was passiert ist. Was hat Hanna damals gemacht? Er weiß es. Aber wie soll er nun mit der Schuld umgehen? Ist sie überhaupt schuldig? Nach gesellschaftlichem Maßstab schon. Er sucht einen Weg. Er sucht einen allgemeingültigen Weg, aber er findet keinen. Vielleicht weil es nur einen individuellen Weg gibt und keinen allgemeinen? Sicher jeder Mensch ist einzigartig und genauso vielfältig ist die Anzahl der Antworten, wie es Menschen gibt. Ist es aber trotzdem nicht auch ein lohnendes Ziel sich auf den Weg zu machen eine allgemeingültige Antwort zu finden, auf die sich die gesamte Welt einigen könnte? Der Protagonist Michael Berg zerbricht nahezu daran. Ist es immer noch ein lohnendes Ziel? Kann es aber nicht auch sein, dass wenn es gar nicht möglich ist diese allgemeine Antwort zu finden, das Ziel gar kein Ziel ist, weil man es nicht erreichen kann? Er bekommt es nicht hin, seine Gefühle und seine Emotionen so in den Griff zu bekommen, dass er immer noch so richten könnte wie der Richter im Namen der Gesellschaft über Hanna gerichtet hat. Schaltet er seinen Verstand aus ist die Sache für ihn klar, Hanna ist der Tat so schuldig wie sie verurteilt wurde. Schaltet er seinen Verstand wieder ein wird ihm ganz anders. Die Grenzen verschwimmen, so das nur eine schimmernder Teppich aus verflochtenen Gedanken, Emotionen, moralischem Verständnis übrig bleibt. Kein Muster das ihm eine genaue Definition gibt. Ist sie Schuldig? Ja, schon, aber wie? Ist sie alleinige Schuldnerin oder wer hat noch Schuld an den Verbrechen? Der Horizont erweitert sich und er verliert sich in den Fasern des Teppichs. Er unternimmt den vielleicht löblichen oder vielleicht aber auch törichten Versuch jeden Knoten zu untersuchen jeden Knoten zu hinterfragen. Wie viele Knoten hat ein Teppich? Wie viele Fasern hat ein Perser? Zu viele für Michael. Er will Hanna verstehen und wenn es ihm ansatzweise gelingt, dann verliert er den Bezug zu seinem moralischem Verständnis und das macht ihm Angst weil es ihn entfernt, entfernt von den gesellschaftlichen Maßstäben. Er hat Furcht davor sich der Welt zu entfernen in der er lebt. Bin ich den so anders in meinen Wertemaßstab das ich den Richterspruch nicht nachvollziehen kann? Nein, er war nur verliebt in Hanna. Wie ist das mit der Schuld und der Liebe? Ist den Liebe nicht stark genug um jede Schuld zu vergeben? Michael Berg kann nicht. Er kann nicht vergeben. Sein Intellektueller Verstand sagt ihm auf Schuld muss Strafe folgen und das möglichst nach den anerkannten Gesellschaftlichen Normen. Sein Herz möchte vergeben, sein Verstand möchte verurteilen. Darin liegt das Dilemma.

Ein Primärpunkt in dem Roman der „Der Vorleser“ ist, wo es zu der Gerichtsverhandlung kommt. Beide Personen waren nicht darauf vorbereitet. Hanna, der es durch ihren Mangel an Intelligenz und intellektuellem Defizit nicht gelang mit der eigentlich zu erwartenden Situation angemessen umzugehen. Michael Berg dagegen der doch eher Zufällig als Student wieder mit Hanna konfrontiert worden ist. Michaels Fassungslosigkeit drückt sich durch eine Ohnmacht aus die er nicht mitbekommt aber alle anderen Kommilitonen erkennen die Sonderartigkeit in seinem verhalten. Sie erkennen das Band welches zwischen der Hauptangeklagten und dem Studenten, der nahezu bei jedem Verhandlungstag dabei ist, ist. Dort und während diesem Zeitraumes erkennt Michael, was er nicht erkannt hat. Er erkennt die begangen Verbrechen. Er erkennt die Schuld die auf Hanna lastet. Er begreift das sie Analphabetin ist. Er macht sich Vorwürfe dies nicht erkannt zu haben. Beide sprechen kein einziges Wort miteinander. Er braucht daraufhin ein Rauschmittel, welches seinen Schmerz lindert. Dieses findet er in der behaglichen Wärme des Fiebers, welches er sich in seinen wilden Abfahrten beim Skiurlaub zuzog.
Erst langsam beginnt sein normales Leben wieder. Auch wenn es nicht mehr das ist was es einmal war. Er sucht die Schuld bei anderen und bei sich und er findet sie. Ob sie berechtigt ist, lasse ich außen vor. Da wo er wieder anfängt ihr Geschichten vorzulesen, da beginnt seine Leben eine andere Qualität zu bekommen, keine bessere oder neue eben nur eine andere. Er hat einen Weg gefunden die Schadhaftigkeit die Sündhaftigkeit die er verspürt einen Ausdruck zu verleihen. Er martert sich selbst und er geißelt sich selbst. Weil er damit nicht klar kommt. Hanna hat ihren eigenen Weg gefunden sich zu Sühnen. Es ist die schwere der Last die Michael fast brechen lässt. Ihm hängt nicht die Schuld im Rücken, sondern das er nicht vergeben kann drückt seinen Geist runter.

Jeder muss sich selbst fragen, wo stehe ich und wo stehen die anderen, wie werden ich mit meiner ganz eigenen Situation umgehen. Es ist einzig eine individuelle Frage. Was ist mein Urteil und was ist das was ich Verstehe? Was ist der beste Kompromiss? Einen allgemeingültigen Konsens wird es nicht geben.

R. Buchfink

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