Tobias Mindernickel – In seinen taten malt sich der Mensch – Essay

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In seinen Taten malt sich der Mensch

Die folgende Darstellung setzt voraus, das Ihnen die Geschichte des Tobias Mindernickel bekannt ist. Darum verzichte ich vollständig auf erklärende Worte und wende mich gleich unserem Diskurs zu.

Man kann es sich lebhaft vorstellen wie sein einziger Anzug, dünn vom vielen Bürsten auf dem Bügel hängt und er daheim auf dem Staubigen Sofa minenlos die verdorrten Pflanzen anstarrt.
Ein exemplarisches Beispiel ist unser Herr Mindernickel. Ein Beispiel an geradezu virtuoser Selbstverleugnung. Unserem Herrn Mindernickel ist es vielleicht bekannt was Friedrich von Schiller einst von sich gab. In seinen Taten malt sich der Mensch. Ist es deshalb so das er sich ganz seinen tun widmet? Ein stechender Sarkasmus ist es der sich in mir regt wenn ich seine Geschichte lese. Wenn sich der kleine Herr Mindernickel und obendrein Tobias, mit seinem Stock und gebürstetem Anzug steifer Haltung die Gosse entlang geht. Dem allein ist nichts entgegenzusetzen, aber die Umstände, mein sehr geehrter Leser. Die Umstände sind es die mich zum widernden schmunzeln bringen. Versucht er sich doch mit aller Gewalt, welche er nicht hat, aus seinem Umfeld heraus zu heben in eine höhere Gesellschaftliche Sphäre. Gar mein Schulter zucken wird übertönt von schallendem gefeixe der Nachbarschaft. Eine Kinderschar die keine Befangenheit kennt stachelt ohne Skrupel.

Was ist den nun das Besondere an dem Herrn Mindernickel?
Mir ist noch nie ein Mensch begegnet der so was von selbstgerecht ist wie der Herr Mindernickel. Als er einmal die staubige Straße entlang ging und er wieder einmal von eine Clique Kinder, milde ausgedrückt, gefoppt wurde, fiel eines der Kinder hin und schlug sich das Knie auf. Herr Mindernickel ging im schnellstem Tempo auf das am Boden liegende und weinende Kind zu und gab dem Kind mit bittersten und tiefster sarkastischer Ironie ein Taschentuch, wie er das Leid fühlt, wie weh es dir Kinderlein tun muss, sag er. Mein armes dummes Kind, zu recht liegt du da mit verheulter Fresse. Schau nur genau zu wie ich mich deiner erbarme und ich dir auf die Beine helfe obwohl ich dir ebenso gut meinen Spazierstock auf die Wunde schlagen könnte wie es mein verlangen ist. Ach, welche Demut bringe ich für dich auf, du dummes, dummes Kind.

Aber wer interessiert sich den für einen solchen Einzelgänger?
Niemand, das ist es doch. Niemand braucht den schrulligen Herrn Mindernickel. Aber dennoch ist er da. Er ist nicht zu verleugnen noch zu übersehen. Man muss nun aber auch beachten wann der Herr Mindernickel gelebt hat. Zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es für die untere Gesellschaftsschicht nur selten etwas zu lachen. Und bitte, bedenken Sie, dass man nicht vergessen sollte, die Leute im den billigen Vierteln der Großstadt waren immer froh zu erkennen das sie nicht die unterste Instanz in der sozialen Hierarchie sind. Vielleicht haben die ungebildeten Proletarier nicht gewusst wo sie stehen, aber wenn jemand noch tiefer stand, dann haben sie das durchaus zu Vorteilen zu wissen. Das war doch schon immer so, dass das erfahrene Unrecht an den der unter einem liegt weitergeben wird. Die Hierarchie der Macht.

Und was hat Tobias Mindernickel mit dem Ausspruch In seinen taten malt sich der Mensch zu tun?
Ich will es dir lieber Leser an einem weiteren Beispiel aufzeigen, was ich denke, das pervertierte an Tobias Mindernickel ist. Herr Mindernickel hatte auch einen Hund gehabt, einen jungen kräftigen Jagdhund. Den hat er sich gekauft, als der Hund noch ganz klein war. Sein leben war auf einmal mehr als nur der triste verstaube Tag. Es war der triste verstaubte Tag mit Hund. Heutzutage halten sich alte Witwen dickleibige Katzen, Herr Mindernickel hatte einen Hund. Natürlich hat sich an Herrn Mindernickels sein nichts geändert außer, dass er sich nun um den Hund kümmerte. Er wollte seinen Hund erziehen. Mit roher Strenge mit markanter Gewalt. Der Hund war nicht so wie der lächerliche alte Mann, der Hund war anders. Der Hund war trotz der vielen Marter aufgeweckt und fröhlich. Als der Hund krank wurde fing das Herz des Herrn Mindernickel an zu schlagen. Er hatte etwas worum er sich wieder kümmern konnte, was Ihm nicht mehr weglaufen kann, was nicht vor ihm fliehen kann. Er hatte etwas was seiner Hilfe bedarf und dem es noch schlechter geht als Ihm. Er versorgte das vor Ihm liegende Tier mit aller Hingabe und reichte dem Hund nur bestes, und tat sonst auch nur das beste für das vor Ihm liegende Tier. Aber wie nun mal der Lauf ist, erholt sich ein gesundes Tier von Krankheit und fängt schnell an zu genesen. Bitterböse wurde Herr Mindernickel auf den Hund, den er Esauii genannt hat, als er durch die Wohnung tollen konnte. Das perverse kommt nun erst zum Vorschein. In der Ungestümen Art, Herr Mindernickel ist gerade dabei dem Tier von seinem Kanten Brot etwas mit dem großen Messer abzuschneiden, springt das Tier, vor Übermut, ihm an das Messer. Es läuft das Blut. Der Hund windet sich. “schmerzt es sehr? Ja, ja wir, du leidest bitterlich, mein armes Tier! Aber sei still, wir müssen es ertragen.” Es verschafft Ihm Genugtuung sich um diese arme, kleine, hilflose Ding zu kümmern. Aber was fällt Ihm nun ein. Es ist solches was ich verabscheue, diese taten, dieses infame handeln, dieses ungehörige, dieser verkehrte Mut willen. Bevor sich der Hund auch nur erneut sammeln kann, springt Herr Mindernickel, wie von Sinnen, mit dem Messer in der Hand, zerrt das Tier herauf und sticht wuchtig und mit geschlossener Nickhautiii zu, dass das arme Tier stirbt, blutüberströmt in den armen des Herrn Mindernickel. Da soll ich ruhig bleiben? Bei Tierquälerei fängt es an und bei Mord hört es auf. Bei so etwas frage ich mich manchmal, ob das etwas mit der Hierarchie der Macht zu tun hat?

Hilfreich, zuvorkommend, gar liebevoll malt er sich sein Spiegelbild, der Herr Mindernickel. Führsorglich und ehrlich mit Etikette und gepflegter Erscheinung, gekämmtem Haar, gebürstetem Anzug. Tobais Mindernickel der mit ruhiger schüchternen Art gefällt. So will er wirken. So sieht er sich, so malt er sich. Aber wie es nun einmal ist, ist ein Bild nur ein Bild, so sage ich es zu dir mein Leser.

Das erinnert mich an eine Frau, die mir neulich in U-Bahn gegenüberstand. Sie hatte einen kleinen runden Spiegel in der Innenfläche Ihrer Hand und schaute geradezu zwanghaft immer wieder in den Spiegel und beobachtete die Leute und sich selber. Der Spiegel war einmal Prunkstück mit silbernen Reif und prachtvoller Verzierung. Ich sah es, gebrochenes Glas und vergriffenes Silber und genauso traurig war sie an Gestalt.
Wenn man so traurig ist wie unser Tobias Mindernickel so ist es eine menschliche Eigenschaft sich zu verlieren. Viele Leute flüchten vor sich selber in ihr eigenes Spiegelbild und malen es sich selbst aus, so wie sie gern sein möchten.

Ich glaube, dass diese Kurzgeschichte von Thomas Mann immer Aktuell sein wird und Gegenstand sozialer Überlegungen ist. Die Frage nach dem wer bin ich und wer möchte ich sein muss zu einem selbstreflektorischen Gegenstand werden, den sich Menschen ganz Individuell zu stellen haben und Beantworten müssen. Thomas Mann legt hier ein dramatisches Bild vor. Er zeigt in Tobias Mindernickel jemanden, wo das Sein und Schein in Eskalation zu einander stehen.

R. Buchfink

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2 Kommentare

  1. Schönes Essay, für mich selbst habe ich die Geschichte doch ein wenig anders aufgefasst.

    Nun denn, ich gedenke hier aber kein ganzes Essay drüber zu schreiben, auch liegt es schon ein wenig zurück, dass ich die Geschichte über Herrn Mindernickel las:

    Ich denke keinesfalls er wär ein selbstgefälliger Mann. Eher das genaue Gegenteil. Er ist mit seiner Situation unzufrieden, dennoch versucht er streng seinen Idealen treu zu bleiben. Selbst nachdem ihm die Kinder mehrmals unrecht taten hat er dennoch dem Kind, dass während einer Aktion gegen ihn hinfiel, half. Er musste sehr von der Richtigkeit seines Handels überzeugt sein. Es musste ihm sehr weh tun, einem solchem Subjekt zu helfen, einer von der Sorte die ihn doch so unzufrieden machten. Er sieht jedoch die Zukunft in den Kindern und würde man sie eines Besseren belehren, könnte sich auch was ändern. Auch obwohl er wusste, dass dies sicherlich nur reiner Idealismus sei half er. Als er sich nun den Hund beschaffte, fand er in ihm endlich einmal Zuneigung. Sicherlich ist auch ein solcher Hund nur dankbar solang man sich auch um ihn kümmer, aber wenigstens sind Tiere in diesem Punkt ehrlich und nicht so wie die Menschen….ob er das wusste oder nicht steht außerhalb der Debatte. Punkt ist doch, dass er mit einer solchen Masse an Emotionen kläglich überfordert war. Er hatte auch große Freude an dem Hund. Der springende Punkt war jedoch, als der Hund, nach dem versehentlichem Messerstich ihm völlig ausgeliefert war. Hier zeigte sich der ungeliebte Tobias nun endlich auch mal von seiner anderen Seite. Er wusste, dass diese Situation nicht permanent sein werde, er ward immer weiter überfordert. Der Hund, nun in einer, abstrakt gesehen ähnlichen Situation wie Tobias, völlig abhängig von anderen (….) Und nun sollte sich dieser erholen, wo Tobis doch nun auch einen Gefährten gefunden hatte. Dies konnte er nicht Zulassen. Wieso sollte der Hund nun ein besseres Schicksal haben als er, wo er doch aus der selben kläglichen Situation stammte als er. Er zeigte sich nicht besser als diese Kinder die ihn doch so gern ärgerten, weil sie Gefallen daran fanden. Und so war nun Tobias auch das erste mal vor einer solchen Entscheidung wo er nun die macht hatte, jedoch wusste er um die Bösartigkeit seiner Aktion. Nun zeigte sich, dass doch alle Menschen gleich sind in eben diesen Eigenschaften, egal wie sehr sie sich auch hinter ihren vielen Fassaden (in diesme Falle mit misserfolg) verstecken. Das macht Tobias doch nicht zu einem schlechten Menschen. Eher sollte man genausoviel Mitleid mit Tobias machen, der es trotz seinen hohen Idealen es nicht schaffte, besser zu agieren, und mit der harten Natur konfrontiert wurde als auch mit dem Hund, der immer nur nach der Natur agierte und nun tot war. Und in der Natur ist es nun mal so, dass der Stärkere obsiegt.

    Soviel erstmal zu meinen Gedanken, die ich hier einfach mal so niedergeschrieben habe ohne auf den wert einzelner Aussagen zu achten, nur um einmal einen, den Meineigen Gedanken zu der Geschichte rüber zu bringen. Inwiefern mir das gelungen ist hängt wie immer vom Auge des Betrachters ab…

  2. Danke für den langen und interesannten Kommentar.

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