Fabian – Erich Kästner

Die Bücher von Erich Kästner sind seit längeren ehr als Kinderbuchliteratur etwas abgewertet, wie ich finde völlig zu unrecht. „Emil und die Dedektive“ ist das am meisten verbreitete Werk von ihm. Aber einer seiner Meisterwerke hat er in „Fabian“ zu Papier gebracht.
Fabian, mit dem Untertitel „Die Geschichte eines Moralisten“ ist einer der einprägsamen Romane der Literaturepoche am Ende der Weimarer Republik, wurde 1931 Veröffentlicht und gibt innerhalb der „Neuen Sachlichkeit“ das Genre der „Großstadtromane“ wieder. Er gilt neben „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin, als der wichtigste Großstadtroman.
Vorname Fabian, Nachname Jakob, 32 Jahre alt und derzeit Werbetexter ist der Protagonist des Romans. Einen Antagonisten hat er nicht, außer vielleicht die immer feindlicher werdenden Umwelten. Als Germanist hat er in der Wirtschaftskrise in der Journalistik keine Chance, verliert eh ungeliebten Job als Werbetexter und wird betriebsbedingt gekündigt. Das nimmt Fabian nur als Randerscheinung war und lebt weiter, wie vorher.
Labude als sein engster Freund, versucht sein Leben in geordnete Bahnen zu lenken, in dem er versteift auf konformes Leben ist. Seine Dissertation über Lessing soll ihn die offene Tür zu allem sein und die Eintrittkarte in ein bürgerliches Leben. Obwohl beide den gleichen Bildungsgrad haben, nehmen beide unterschiedliche Wege. Fabian nimmt sich die Freiheit, der sich Labude durch Selbstdiziplin entzieht. Bis sich bei Labude die Ereignisse überschlagen und er nicht mehr Herr seiner Lage ist und Labude sich in einer Sackgasse sieht in der er zu stehen scheint.
In dem Roman wird ein Querschnitt aller Mileus in Berlin Ende der 20er Jahre beschrieben. Keineswegs verkopft, sondern frisch und frivol, mit enthemmten Figuren. Mit Figuren die ihrer Genusssucht nachgehen, sei es Sex, Spiel, oder Gewalt, oder alles zusammen. Die allgemeine Wirtschaftskrise lässt Erich Kästner ein Szenario aufbauen, das er in Fabian verarbeitet wo der Ökonomische Faktor in alle Gesellschaftsschichten hinein kriecht und wie ein Rauschmittel wirkt und die ureigenen Charakterzüge verstärkt. Der eine wird letargisch der andere geht mehr egoistischere Wege, familäre Bindungen werden übergangen, ausgenutz, für den eigenen Vorteil ersucht.
Fabian selber lässt sich auf die äußeren Umstände ein und nutzt den Tag und die Nacht. Er erlebt menschliche Abenteuer mit Frauen, die mal mehr mal weniger fester Bindung ist. Er erlebt den bürokratischen Wahnsinn des Arbeitsamtes. Die Freudenhäuser seiner Umgebung wo junge und alte Dinger warten, praktiken aller Couleur feil bieten. Er lernt den alten Ingenieur kennen der mit einer Jahrhunderterfindung unterm arm auf der Flucht vor seiner eigenen Familie ist. Die zarten Triebe einer Liebe zu einer Referendarin, haben in Zeiten der Not keine Chance. So bleibt Fabian ein zwar netter Mensch mit realistischen Wissen doch angebrochenen Herzen, ein durchweg sympathischer Held zurück, der seinen eigen Weg und seine eigene Integrität nachgeht. Die lockere Körperschau und der selbstverständliche Umgang lesbischer Beziehungen innerhalb des Roman überraschen zwar, aber machen auch den natürlichen Charme des Romans mit aus.
Zwischen den Spaßigen Szenen, und der Satirischen Kritik am System und der Zeit, kommen auch die ernsthaften Dialoge und die Tiefgründigen Gedankenzüge die der Protagonist hat, nicht zu kurz. Die Untergehende Sonne der Weimarer Republik wirft ihre dunkle Schatten in die allgegenwärtigkeit des Romans, den auch die Pole der Kommunisten und Faschisten ergeben ein hintergründiges Spannungsfeld dem der Protagonist Fabian ausgeliefert ist.
Fazit:
Erich Kästner gelingt es in einer hervorragenden Sprache, die ohne Worthülsen und Verkünstellungen auskommt, die Ängste und Nöte, Hoffnungen und Opfer einer Zeit und Kriese darzustellen. Das interessante für den heutigen Leser ist neben der fantastischen Sprache und genussvollen Darstellung der Geschichte mit allen Charakteren, dass die Erlebnisse des Fabian heute wieder 1:1 aktuell sind. Fabian muss man lesen.
Ps.: Die gleichnahmige Verfilmung von Wolfgang Grem finde ich gelungen.
Pps.: Mir lag die Version des Schweizer Verlags Atrium vor.
Fakten
- Buchtitel: Fabian – Geschichte eines Moralisten
- Autor: Erich Kästner
- Verlag: Atrium /CH; dtv /D
- Vö-Jahr: 1931
unsere Wertung
[Rating:4/5]
