Gerhart Hauptmann hat seinen „Der Ketzer von Soana“ vor und während der Kriegsjahre zwischen 1911 und 1917 geschrieben. Die Novelle spielt sich im Italienisch sprechenden Teil der Schweiz ab.
Eingebettet in eine mehrfach verschachtelte Erzählweise gibt es die Wandlung des Francesco Vela zu beobachten. Ein Wanderer und Urlauber trifft in der Berghängen auf einen Berghirten. Der Berghirte der sonst recht abgeschieden vom Rest der Welt, für sich zu leben scheint, bittet den Urlauber freundlich in sein Haus und liest ihm aus seinen Aufzeichnungen vor.
Die vorgetragenen Aufzeichnungen bildet die Kernhandlung der Novelle ab. Die selbstverfasste Geschichte handelt von einem katholischen, frommen, jungen Priester, der seine erste Pfarrstelle in dem Ort Soana antritt. Ein Ärgernis in der sonst gewöhnlichen Ortschaft ist die Familie Scarabota, die von der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen ist, weil sie der Unzüchtigkeit und der Inzest beschuldigt werden. Jung und Engagiert will Francesco die Familie dem Segen der Römisch-Katholischen Kirchen zuführen.
Dabei trifft Francesco die älteste Tochter der abstrusen Familie und sein Herz fängt zu pochen an. Sowieso scheint mit dem Aufstieg auf die Alm der Natursinn des im Zölibat verankerten Geistlichen geweckt zu werden. Der sonst in Studierzimmer beheimatete Jungpriester erfährt zum ersten mal ein gewisses Frühlingserwachen in zweifachen Sinne. Zum einen die Natur selber und zum weiteren das Erwachen des eigenen Eros beim Erblicken der phantastisch liebreizenden etwa fünfzehnjährigen. Francesco selber ist gut zehn Jahre älter.
Die Entwicklung des jungen Priester ist, man ahnt es schon, nicht mehr aufzuhalten. Hauptmanns zeigt die inneren Kämpfe die Francesco führt, so auf, mit Präzison und Nachhaltigkeit, dass es einfach sehr gut ist.
Der „Ketzer von Soana“ spaltet die Fachwelt, einige bezichtigen Gerhart Hauptmann gar der Unterstützung des pädophilen, was ich persönlich nicht nicht finde. Was aber man Gerhart Hauptmann sicherlich vorwerfen kann ist eine, ausgeprägte Kirchenkritik, wobei Kirchenkritik nur ein Teil von einer Handvoll Themen sind, die gleichgestellt sind.
Die geschriebene Sprache ist eigentlich gut und flüssig zu lesen. Gerhart Hauptmann verzichtet auf unnötige Dopplungen, nur hin und wieder trifft man auf Wiederholungen, die aber meines Erachtens ein Leitmotiv darstellen.
Fazit:
Eine wunderschön durchdachte Novelle, die einiges an Tiefsinn aufzubieten hat. Zwischen altgriechischer Mythologie, Nietzsches „Geburt einer Tragödie“, naturalistischen Ansätzen mäandert „Der Ketzer von Soana“. Auch hier lohnt es sich diese fast vergessene Novelle zu lesen.
Fakten
- Autor: Gerhart Hauptmann
- Titel: Der Ketzer von Soana
- VÖ-Jahr: 1918
- Verlag: Ullstein
- Hörbuch: gespr. Klaus Kinski, 1959, Deutsche Grammophon
- Verfilmung: keine
